Black and White als Partnerhundeteam - die Barbet-Hündin Arabelle in der Logopädie


"Guten Tag, ich bin Frau WYSS (Weiss) die Logopädin der Schule und der lockige SCHWARZE Hund hier heisst Arabelle und begleitet mich bei meiner Arbeit mit den Kindern! Wir sind das black-and-white-Team…" Mit dieser Begrüssung, die gleich eine tolle Eselsbrücke liefert, so dass Eltern und Kinder meinen Namen gut behalten können, stelle ich mich jeweils in den neuen Klassen vor. Ich kann mir aber nichts vormachen: überall auf den Pausenplätzen ruft es zuerst: "Hallo Arabelle!" aus allen Ecken. Dann erst entdecken mich die Kinder am Ende der Leine...sogleich wird ein Schwätzchen über den süssen, knuddligen Hund abgehalten...

 

Ich bin Logopädin in Bern und versorge 3 Schulhäuser und 7 Kindergärten mit ambulanter Sprachtherapie, Abklärungen und Beratungen. Im Juni 2002 erhielten mein Hund Arabelle und ich die Ausbildungsbestätigung zum anerkannten Therapiehundeteam. Eine Eintrittsprüfung beim Verein Partnerhunde Schweiz, ein halbes Jahr theoretische und praktische Kurse mit je einer Prüfung gingen der Anerkennung voraus. Falls Sie sich näher informieren möchten: Verein Partnerhunde Schweiz oder Verein Therapiehunde Schweiz.

 

Arabelle begleitet mich bei meiner Arbeit in den drei Schulhäusern und nimmt passiv oder aktiv an der logopädischen Arbeit mit den Kindern teil. In die Logopädie, die in Volksschulen angeboten wird, kommen Kinder ab Kindergartenalter bis Schulabschluss. Diese Schülerinnen und Schüler haben Probleme mit der Sprache. Sie können sich nicht alters- und situationsadäquat ausdrücken. Dies v.a. im mündlichen Bereich (Aussprache, Wortschatz, Satzbau, Verständnis, Stimme, Stottern, anderes). Die Logopädin arbeitet auch im Bereich Lesen, Schreiben und Rechnen. Möchten Sie sich hierzu mehr informieren: Deutschschweizer Logopädinnen- und Logopädenverband.

 

Passiv wirkt Arabelle durch ihre Präsenz. Sie verbreitet Atmosphäre im Raum, stiftet Beziehung, entlockt uns hin und wieder ein Lächeln oder Schmunzeln und gehört einfach zur Logopädie (begrüssen, verabschieden). Aus Forschungen ist bekannt, dass ein Tier Körper, Geist und Seele positiv beeinflusst. Ein Lernender in einer solch guten Verfassung kann besser aufnehmen. Oft ist der Vierbeiner Thema für Small Talk. Dies bringt mir jeweils viel, sehe und höre ich doch, wie das Kind aktuell spricht und sich fühlt.

 

Aktive, d.h. bewusste tiergestützte Therapie findet pro Lektion nur in kleinen und unregelmässigen Sequenzen statt. Selten bereite ich eine ganze Lektion mit Arabelle vor. Ich kenne die Ressourcen und Begabungen meines Hundes seit der Ausbildung beim Verein Partnerhunde noch besser und kann diese adäquater in ausgewählte Therapiesequenzen einbauen.

 

Arabelle kann überall berührt werden, ist freundlich und kennt über 45 Befehle und Kombinationen davon. Dies kann ich in der Logopädie nutzen. Hier eine kleine Auswahl von Beispielen:

 

Colette lispelt. Sie hat nun korrekte S, Z und X gelernt. Nun muss sie diese neuen Laute schrittchenweise in die Alltagssprache übertragen. Leichter als ganze Sätze zu sprechen, sind Einwortsätze. Statt einem Spiel mit S-Wörtern, zeige ich Colette alle Befehle Arabelles, die diese Laute enthalten. So üben wir 2 mal 30 Minuten mit dem Hund "Sitz, Platz, Siesta, twist, Fuss,... Dabei achte ich, dass die Situation so gestaltet ist, dass Colette auf Hund, Befehle UND neue Artikulation achten kann. So eine Lektion "fägt"!

 

Kevin kann eine Handlung nicht gut planen und trotz seiner 10 Jahre kaum schreiben und lesen. Wir planen einen Agilitiyparcour im Logo-Zimmer. Wie weit muss der "Sprung" vom Schrank entfernt sein, so dass Arabelle nicht in den Schrank springt? Wieviele Hindernisse haben Platz? Wie könnten wir einen Tunnel bauen? Damit Kevin die Befehle pro Hindernis kennt, schreibt er grosse Plakate, die wir zu den Posten stellen. Am Schluss diktiert er mir den Ablauf der Stunde, damit seine Eltern lesen können, was er erlebt hat. Bestimmte Wörter schreibt er selber. Später darf er Arabelle mit in die Klasse nehmen und den gut dressierten Hund vorführen. Dies hilft seinem Selbstwertgefühl.

 

Der Kindergartenjunge Nathan stammt aus Afrika. Er spricht zuhause französisch, das er aber nicht gut beherrscht. Er hat als Konsequenz Mühe deutsch (Dialekt und hochdeutsch für die Schule) zu lernen. Er hat zuerst nur Augen für den Hund. Sprechen kann er noch nicht viel. Über die Fellpflege des Hundes kommen wir uns näher. Erste Worte/Sätze werden in der Handlung ungezwungen wiederholt, angewendet und somit erlernt (Bürste, Fell, weich, Arabelle ist lieb. Sie sitzt auf dem Tisch. usw.). Wie anders verläuft doch Unterricht mit Bildchen, die man benennen muss!

 

Anna (4.Klässlerin) spricht sehr schnell und ungeordnet. Sie hat Mühe verständlich auszudrücken, was sie denkt und empfindet. Auch mit der Schrift hapert es. Trotzdem ist sie mit Eifer dazu bereit, sich Gedanken über Arabelle zu machen und mir Folgendes zu schreiben: "Arabelle ist ein Hund. Sie hat ein schönes schwarzes Fell. Ich habe es nicht so gern wenn sie mich beschnuppert. Ich füttere sie gern mit Hundegudi. Auch sonst finde ich Arabelle sehr nett."

 

Zu betonen ist, dass der Hund nie alleine mit den Kindern ist. Ich bin immer präsent und trage die Verantwortung. Ich habe im Kurs die Stress- und Konfliktsignale meiner Arabelle noch besser lesen gelernt und schreite ein, wenn ich merke, dass der Hund überfordert ist.

 

Noch etwas zu Allergien und Ängsten: Ich kläre vor jedem Erstkontakt oder Klassenbesuch diese wichtigen Themen ab. Bisher habe ich kein Kind erlebt, dass Arabelle nicht im Zimmer haben wollte. Es gibt hin und wieder Schüler (im letzten halben Jahr 3 von 26), die sich durch den Hund anfänglich verunsichert fühlen. Durch subtiles, verständnisvolles Umgehen mit der Situation haben aber alle schliesslich gewünscht, dass Arabelle nicht mehr angebunden werden soll. Die positiven Reaktionen auf den Hund (allgemein und auf meine Arbeit bezogen) überwiegen bei weitem.

 

Ist ein Barbet ein geeigneter Therapiehund? Grundsätzlich ist jeder menschenbezogene, im Wesen freundliche und gut erzogene Hund geeignet. Beim Barbet finde ich vieles positiv: knuddliges Aussehen, lockiges, weiches Fell, kein Haaren, die Möglichkeit, die Haare lang oder kurz zu haben, gut erziehbar, ruhig und doch auch fröhlich und bewegungsfreudig. Negativ empfinde ich die hängenden Ohren, die weniger Mimik zulassen, die zugewachsenen Augen (Ausstellungsstandard!) – ich schneide das Fell um die Augen stets, damit sich der Hund in Situationen mit vielen sich drängelnden Kinder (Pausenplatzsituation) gut orientieren kann. Auch das schwarze Fell zeigt sich bei einigen ängstlichen Kindern beim Erstkontakt als negativer Faktor. Es gäbe aber ja auch weisse, braune und gefleckte Barbets...

 

Es gäbe noch Vieles über meine Erfahrungen aus dem Logopädie- und Schulalltag zu berichten. Zum Schluss muss aber auch erwähnt werden, dass der Hund in der Logopädie eine Facette meines Angebots ist, das von meinem Engagement und Feuer lebt. Eine Logopädin braucht aber keinen Hund, der ihre Therapien bereichert. Ich nehme Etliches in Kauf, um dieses Projekt durchzuziehen (Infoaufwand, Stundenplangestaltung mit Spaziergängen, Kurse, regelmässige Berichte an meine Vorgesetzten). Den Kindern, Arabelle und mir gefällt`s aber!